Dario Fo
Porto Valtravaglia
Die Verbindung zwischen Dario Fo, Nobelpreisträger für Literatur 1997, und dem Lago Maggiore ist tief und hat ihre Wurzeln in der Kindheit und der künstlerischen Ausbildung des Schriftstellers. Dario Fo wurde 1926 in San Giano in der Provinz Varese geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre am lombardischen Ufer des Sees in Porto Valtravaglia, einer Gegend, die seine Poetik und seinen Erzählstil entscheidend geprägt hat.
Anlässlich seines hundertsten Geburtstags am 24. März 2026 widmen wir ihm eine literarische Hommage.
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Mezaràt
Dario Fo: Meine ersten sieben Jahre und ein paar dazu
Die Ursprünge und die „Mezaràt“: Fo wuchs in einem Umfeld auf, das reich an mündlichen Überlieferungen war. In seiner autobiografischen Erzählung beschreibt er die Orte seiner Kindheit, darunter auch die Dörfer am lombardischen Ufer, die oft von den „Mezaràt“ (halben Mäusen) bewohnt wurden, ein Ausdruck, der mit der lokalen Tradition verbunden ist.
Das „Festival dei Mezaràt“ ist eine jährliche Veranstaltungsreihe im Varesotto (Provinz Varese, Italien), die das Erbe des Nobelpreisträgers Dario Fo feiert. Es findet im Mai in Städten wie Luino, Sangiano und Leggiuno statt, zeigt Aufführungen wie Mistero Buffo und fördert die lokale Kultur.
Fabulatori
Luino und die Kultur der „Fabulatori“: Luino, bekannt für seinen Markt, spielt eine zentrale Rolle im Leben von Fo, sodass das Teatro Sociale di Luino kürzlich nach Dario Fo und Franca Rame benannt wurde. Die Gegend ist bekannt dafür, die Heimat großer Geschichtenerzähler oder „Fabulatori“ zu sein, einer mündlichen Tradition, die Fo in sein Theater aufgenommen und weiterentwickelt hat, wie in dem Essay La genesi del „FObulatore“ – Dario Fo e i fabulatori del Lago Maggiore (Die Entstehung des „FObulatore“ – Dario Fo und die Geschichtenerzähler des Lago Maggiore) von Lorenzo Piazza untersucht wird.
Berühmte Zitate von Dario Fo
Da es stotternde Redner, traurige Humoristen und kahlköpfige Friseure gibt, könnte es auch ehrliche Politiker geben.
Lachen ist heilig. Wenn ein Kind zum ersten Mal lacht, ist das ein Fest.
Das Lachen, die befreiende Freude liegt gerade darin, zu entdecken, dass das Gegenteil besser steht als das Klischee, ja sogar wahrer oder zumindest glaubwürdiger ist.
In meinem ganzen Leben habe ich nie etwas geschrieben, nur um zu unterhalten. Ich habe immer versucht, in meine Texte einen Riss einzubauen, der Gewissheiten ins Wanken bringt, Meinungen in Frage stellt, Empörung hervorruft, den Kopf ein wenig öffnet. Alles andere, Schönheit um der Schönheit willen, interessiert mich nicht.
Die Verbreitung von Wissen zu verhindern ist ein Kontrollinstrument der Macht, denn Wissen bedeutet, lesen, interpretieren und selbst überprüfen zu können und nicht zu vertrauen, was man dir sagt. Wissen lässt dich zweifeln. Vor allem an der Macht. An jeder Macht.
Kultur kann man nur erlangen, wenn man seine eigene Geschichte kennt.
Der Mensch ohne Ideen, wie Voltaire sagte, ist ein Dummkopf.
Kultur und Medien
Dario Fo war unermüdlich. Noch im hohen Alter meldete er sich regelmäßig in Blogs und Fernsehsendungen zu Wort.
„Wir müssen damit anfangen, den jungen Leuten beizubringen, dass die Kultur nicht eine überflüssige Bürde ist, sondern ein entscheidendes Mittel, um das Bewusstsein von uns Italienern zu formen und Bildung zu vermitteln. Ein Land ohne Kultur bringt stumpfsinnige Menschen ohne jede Perspektive hervor.“
Gegen einen gleichgültigen Materialismus, wie er sich in den Regierungsjahren von Berlusconi etabliert hatte, zog der Bühnenautor, Sänger, Schauspieler und Regisseur besonders kämpferisch zu Felde. Jede Art von Snobismus war ihm fremd: Dario Fo suchte immer den Kontakt zum großen Publikum. Er trat in Fabriken und besetzten Häusern ebenso auf wie im Fernsehen und Theater. Fo war ein Mann der Piazza. Dort, wo jeder Zutritt hat, stieß er auf seine Geschichten.
Andere Autoren über Dario Fo: Gabor Pox: Mein Großes Kino (Auszug)
2024 – Porto Valtravaglia
Ich stehe vor dem frisch renovierten Haus und blicke nach oben. Drei Stockwerke, die Fenster sind geschlossen, bis auf eines ganz oben. Dort brennt Licht, ich höre Fragmente eines Dialogs, es klingt wie Fragen und Antworten. Um es besser zu verstehen, schließe ich kurz die Augen und stelle mir vor, dass die Wohnung von einer Ermittlungsgruppe gemietet wurde und gerade eine Anhörung stattfindet. Es wird italienisch gesprochen, leider verstehe ich nur wenig. Ich öffne die Augen wieder und sehe die Eingangstür vor mir, mit dem Neon-Anzeige „Open“. Vorsichtig, als wäre es eine Sardellendose, öffne ich sie und betrete den Empfangsbereich des Kulturzentrums SCAMBIO. Nur wenige Menschen sind zu sehen, es ist noch früh. Die Vorbereitungen laufen noch. Heute ist Kinoabend, ein Kultfilm steht auf dem Programm. Auf diesen Film habe ich mich schon lange gefreut. Aber meine Gedanken sind bei einer anderen Geschichte.
Im Dezember 1989 explodierte auf der Piazza Fontana in Mailand eine Bombe, die zahlreiche Menschenleben forderte. Es war Teil einer tragischen Serie von Attentaten, die Italien damals in Aufruhr versetzte. Allein in Mailand wurden 300 Personen kurzfristig festgenommen und zu dem Attentat verhört, darunter auch Giuseppe Pinelli, Eisenbahner und Mitglied einer Mailänder Anarchistengruppe. Nachdem er 48 Stunden lang illegal festgehalten worden war, starb Pinelli bei einem mysteriösen Sturz aus dem Zimmer des Kommissars im vierten Stock des Polizeipräsidiums, in dem außer dem Kommissar noch vier weitere Polizisten anwesend waren. Die offizielle Deutung: Selbstmord und damit Eingeständnis seiner Schuld. Die Ermittlungen wurden schnell eingestellt. Aus diesem rätselhaften “Fall“ entstand ein Buch und später ein Theaterstück des berühmten italienischen Autors Dario Fo mit dem Titel: „Zufälliger Tod eines Anarchisten“. Dabei wurde auch deutlich, wie korrupt und gewalttätig der damalige Staatsapparat war - und warum er die Gesellschaft weiter spaltete. Die sogenannte High Society Italiens flüchtete sich in eine Art Ignoranz, die man „Dolce Vita“ nannte. Davon handelt der heutige Film.
Das Kulturzentrum SCAMBIO befindet sich in bester Lage des Ortes, direkt im Zentrum gegenüber der Kirche Santa Maria Assunta nel Capoluogo. Im Nachbargebäude gibt es eine Bar, daneben eine Bäckerei und ein Gemüseladen, wie man sie in einer italienischen Ortschaft erwartet. Wir sind in Porto Valtravaglia, einer ruhigen Ecke am Ostufer des Lago Maggiore. Ich gehe die Treppe hinauf, von wo aus man die Vorbereitungen für das Abendprogramm gut beobachten kann. Von hier oben hat man einen guten Blick auf den Bühnenbereich der Veranstaltungshalle. Dort steht jetzt eine Kinoleinwand. Wäre der Raum auch für ein Theaterstück geeignet?
Der Nobelpreisträger Dario Fo beklagte im Jahr 1997, dass das Theater in Italien vor allem kommerziell sei: „Was wir heute sehen, ist ein totes Theater für tote Menschen. Am totesten von allen sind bei uns heute die Autoren. Außer literarischen Texten haben sie nichts anzubieten. Ihre Sprache ist ein Wortschwall mit Fransen, die Wörter laufen sich nach und beißen sich gegenseitig in den Schwanz. Ihre Themen liegen außerhalb jeglicher Zeit und sind von einem albernen und veralteten Hedonismus diktiert. Wichtig sind die Förderpreise und Rückerstattungen. Nur den Bürokraten in den Ministerien und den Verantwortlichen in den Regierungsparteien nicht zu nahe treten; laß dir deine Produktionen hübsch bezahlen und rühr nicht im Morast, dann wird jeder dich mögen und einen ruhigen Theatermenschen nennen. Amen.“ Eine harte Kritik an Literatur und Theater. Gilt sie heute noch?
Wer nach literarischen Quellen über Porto Valtravaglia sucht, kommt auch an Dario Fo nicht vorbei. Er wurde 1926 im nahe gelegenen Sangiano geboren und verbrachte seine Jugend in und um Porto Valtravaglia. Mit scharfem Blick für die komischen Seiten des Lebens schildert er seine Kindheit am Lago Maggiore aus der Sicht eines kleinen Jungen, der fest davon überzeugt ist, dass die Dächer in der nahen Schweiz aus Schokolade sind. Wir lieben Schweizer Schokolade und wir lieben unsere Nähe zur Schweiz. Nur zwölf Kilometer und wir sind drüben. Bei diesen kurzen Ausflügen haben wir jedoch festgestellt, dass die meisten Rusticos mit Granitplatten gedeckt sind, die oft Dutzende von Tonnen wiegen.
Heute läuft der Film „La Grande Bellezza“ von Paolo Sorrentino. Die Geschichte, die wie eine Neuinterpretation von Fellinis „La Dolce Vita“ wirkt, erzählt vom „sinnlosen“ Leben der italienischen High Society. Jep Gambardella, der Protagonist des Films, schrieb als junger Mann einen preisgekrönten Roman, konnte aber die hohen Erwartungen, die in ihn als Schriftsteller gesetzt wurden, nie erfüllen. Er veröffentlichte keinen zweiten Roman. Stattdessen wurde er ein festes Mitglied der römischen High Society, und er wollte nicht nur eines ihrer Mitglieder werden, sondern der König der Gesellschaft - was ihm seiner Meinung nach auch gelungen ist, denn als Charmeur krönt er alle angesagten Events der Stadt. So besteht sein Leben seit fast 40 Jahren aus Partys, schönen Frauen und schillernden Menschen.
Ist das ein Leben? Viele würden sagen: Ja! Und was würde Dario Fo dazu sagen?
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